Die arabische Befreiungsbewegung verzeichnet einen ersten groeßeren Kollateralschaden: im Unterschied zuTunesien und Aegypten ist in Libyen keine "Befreiung" oder Demokratisierung erkennbar. Stattdessen wurde das Land zur Beute der NATO und ihrer militaerisch fuehrenden Staaten: der USA, Großbrittanniens und Frankreichs. Libyen wird - entsprechend der sich abzeichnenden Entwicklung - damit nach Afghanistan zur zweiten Kolonie der NATO. Im Unterschied zu Afghanistan ist das nordafrikanische Land dabei sehr viel attraktiver und gewinnbringender und ein baldiger Rueckzug nicht zu erwarten.
Verlierer des politisch-militaerischen Spiels sind - wie bereits in Afghanistan zu beobachten war - mit hoher Wahrscheinlichkeit die Bewohner des Landes, mit Ausnahme des ostlibyschen Stammes der Sanoussi. Dass sich die Lebensbedingungen fuer die breite Bevoelkerung mit der "Befreiung" dramatisch verschlechtern werden, ist bereits absehbar. Nutzen hieraus ziehen wird voraussichtlich nur eine kleine Schicht von Stammesfuehrern / Warlords und Geschaeftstaetigen, die es verstehen, ihren Nutzen aus der Situation zu ziehen, waehrend die Bevoelkerung des fuer afrikanische Verhaeltnisse bisher reichen Landes weitgehend verarmt.
Der Blick auf die Entwicklungen in Afghanistan zeigt das Verfahren, das fuer eine NATO-kompatible Umgestaltung des Landes zu erwarten ist: im ersten Schritt werden westliche Militaerberater zur Unterstuetzung der Rebellen vor Ort entsandt, wie dies vom israelischen Nachrichtendienst Debka berichtet wurde. Dies geschah in Afghanistan noch unter Ronald Reagan mit dem Training der Mujaheddin, der spaeteren Taliban. Dazu wird deren Bewaffnung organisiert. Der langjaehrige britische Nahost-Korrespondent Robert Fisk berichtete, dass die US-Regierung diese Bewaffnung der Rebellen auch diesmal mithilfe der saudischen Regierung zu betreiben beabsichtigt. Dies ermoeglicht auch einen weitgehenden Verzicht auf Bodentruppen der NATO.
Darueberhinaus gehoert zu den wichtigsten Massnahmen die Aufwertung der Stammesfuehrer bzw. Warlords durch Bewaffnung und die Ausstattung mit Finanzmitteln. Hierdurch wird erreicht, dass sie, um diese Quelle der Unterstuetzung nicht versiegen zu lassen, den Anweisungen der Finanziers weitgehend Folge leisten, sich in deren Abhaengigkeit befinden. Die Person des jeweiligen Stammesfuehrers erfaehrt dabei eine deutliche Aufwertung: er kann - solange er folgsam bleibt - mit persoenlichem Reichtum und Macht aufgrund seiner militaerischen Durchsetzungskraft rechnen. Sobald er jedoch seine Kooperativitaet versagt, muss er damit rechnen, dass er selbst zum Opfer eines Bombenangriffs durch die Luftwaffe der NATO wird, weil Informanten deren Kommandanten mitteilten, dass sich am Ziel eines solchen Bombardements eine Einheit gefaehrlicher Aufstaendischer versammelt habe. Diese Vorgehensweise ist in Afghanistan vielfach praktiziert worden.
Im Unterschied zu Afghanistan ergibt sich in Libyen der Vorteil, dass auch die Finanzierung der Kontrolle des Landes durch die NATO sicher gestellt ist: die umfangreichen Einnahmen aus dem Oelgeschaeft koennen ohne große Umwege den Konzernen der Ruestungsindustrie in den beteiligten Laendern zugefuehrt werden. Dies sichert dort eine Vielzahl von Arbeitsplaetzen, etwa in den Wahlkreisen amerikanischer Parlamentarier.
Darueberhinaus dienen die militaerischen Einsaetze der NATO in Nordafrika dem Verkauf der Ruestungsindustrie: die technologisch fortgeschrittenen Funktionen ihrer Produkte - Kampfbomber, Raketen usw. - lassen sich hier werbewirksam demonstrieren. Libyen wird damit zu einem wichtigen Uebungs- und Trainingsgebiet der Ruestungsindustrie und der beteiligten Militaerapparate. Dies ist insbesondere deshalb vorteilhaft, weil die in Libyen vorliegenden Einsatzfaelle in aehnlicher Form auch fuer eine Anzahl weiterer arabischer Staaten anwendbar sind, da in dem jeweils eigenen Land vergleichbare Bedingungen bestehen: die Bekaempfung von Aufstaendischen in Wuestenregionen und die Kontrolle von Oelfoerderanlagen und anderer strategisch wichtiger Infrastruktur.
Die Regierungen dieser arabischen Laender wurden bereits eingeladen, an den Militaeraktionen teilzunehmen, wie etwa Qatar. Sie sind selbst wiederum betroffen von dem Auftreten von Befreiungsbewegungen in den eigenen Laendern und erhalten somit in Libyen die Gelegenheit, den militaerischen Umgang mit dieser Bedrohung der eigenen Macht zu trainieren.
Von Vorteil fuer die beteiligten westlichen NATO-Staaten ist dabei die Finanzkraft der diktatorischen arabischen Staatsfuehrungen, die sich aktuell um ihren Machterhalt sorgen: diese Finanzkraft kommt damit fast unmittelbar der Ruestungswirtschaft in den beteiligten westlichen Laendern zugute, die mit zusaetzlichen Auftraegen der Oel-Potentaten rechnen kann.
Darueberhinaus kann davon ausgegangen werden, dass aehnlich, wie bisher in anderen Laendern, die von der NATO oder einer "Koalition der Willigen" militaerisch unterworfen wurden, dauerhafte militaerische Festungen errichtet werden: im Kosovo war dies bekanntermassen der Fall mit dem schwer befestigten US-Stuetzpunkt "Bond Steel". Im Irak wurden 5 solcher Festungen / Militaerstuetzpunkte errichtet (darunter die US-Botschaft mit einer 4-stelligen Zahl von Angestellten). Auch in Afghanistan sind derzeit mehrere solcher Festungen im Bau bzw. in Planung.
Hieraus ergeben sich wiederum Auftraege im Umfang von Milliardensummen, die wiederum Baukonzernen der beteiligten Laendern zugute kommen (in Kosovo, Irak und Afghanistan waren hier unter anderen die US-Konzerne Halliburton und Bechtel stark involviert).
Fuer die NATO-Staaten bietet Libyen im Uebrigen den Vorteil, dass die Bevoelkerungszahl in Libyen vergleichsweise gering ist und ihr moeglicher Widerstand entsprechend schwaecher und besser kontrollierbar.
Wie sich das Schicksal der nun Unterworfenen gestaltet, laesst sich etwa ablesen an der Entwicklung im Irak: dort sind nach der Besatzung durch die USA Millionen geflohen: vor den Vergeltungsmassnahmen und Todesschwadronen der von der Besatzungsmacht kontrollierten Regierung. Dort wurde auf diesem Weg etwa in der Hauptstadt Bagdad, die bis zur US-Besatzung sunnitisch gepraegt war, die Bevoelkerungsmehrheit der Sunniten so stark reduziert, dass Bagdad heute eine deutlich schiitische Dominanz aufweist.
Aehnliches steht nach der Ueberwaeltigung der libyschen Haupstadt Tripolis durch die ostlibyschen Rebellen, die zum großen Teil dem Stamm der Sanoussi angehoeren, im Verbund mit der NATO-Militaermacht zu erwarten: ein großer Teil der Bevoelkerung der Stadt wird wahrscheinlich das Land verlassen, um den zu erwartenden Racheakten und Vergeltungsmassnahmen zu entgehen. An ihre Stelle werden Angehoerige der Sanoussi und anderer Staemme treten, die mit den NATO-Staaten kooperieren, und dort die Schaltstellen der Macht sowie Immobilien, Industrieanlagen und andere Ressourcen uebernehmen. Entsprechende Vorgaenge werden auch in den uebrigen Staedten Libyens stattfinden: die Bevoelkerung des Landes wird sich im Ergebnis um 1 - 3 Millionen Menschen reduzieren, die versuchen werden, in den Nachbarlaendern unterzukommen.
Diesen Teil der Bevoelkerung erwartet das Schicksal als arabische Parias betrachtet zu werden, soweit sie im Zuge der Unterwerfung des Landes durch die ostlibyschen Rebellen und der NATO nicht Vergeltungsmassnahmen zum Opfer fallen. Im guenstigsten Fall verfuegen sie ueber ausreichend angesparte finanzielle Mittel, um sich in den Nachbarlaendern niederzulassen. Fuer die Uebrigen gilt jedoch, dass sie ein Rekrutierungspotenzial fuer einen Widerstand gegen das zukuenftige Regime der NATO zusammen mit den Sanoussi bilden und damit ein permanentes Unruhepotenzial, aehnlich den Aktivitaeten der Taliban in Afghanistan. Ein Unruhepotenzial, das wiederum fuer die NATO nutzbar ist, da sie daraus eine dauerhafte Ligitimation fuer ihre Praesenz in dem Land ableiten und oeffentlich darstellen kann, aehnlich, wie dies seit nunmehr einem Jahrzehnt in Afghanistan erprobt und bewaehrt ist.
Insgesamt kann die Aneignung Libyens durch die NATO (bzw. die auf ihrer Seite fuehrend beteiligten Staaten) im Verbund mit dem ostlibyschen Stamm der Sanoussi fuer die maßgeblich involvierten Beteiligten als Gluecksfall betrachtet werden, da sie dabei mit umfangreichen Vorteilen und Profiten rechnen koennen. Nachteilig betroffen sind dabei nur große Teile der libyschen Bevoelkerung, deren Lebensverhaeltnisse sich wahrscheinlich dramatisch verschlechtern, die Opfer von Vergeltungsmassnahmen, Racheakten und einer allgemeinen Reduzierung der oeffentlichen Versorgung und moeglicherweise einer dauerhaften Buergerkriegssituation sein werden. Diese Entwicklung entspricht dabei der Dynamik, die in den uebrigen von der NATO (oder der US-"Koalition der Willigen") besetzten Laendern: Kosovo, Irak, Afghanistan) in der Vergangenheit zu beobachten waren.
Tags: Kolonialismus, Imperialismus, Libyen, Gaddafi, Maghreb, NATO
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